Schamaika

 

Leitbild - Stiftung Maribondo da Floresta

 Maribondo da Floresta entstand aus der Kritik an der Unterbringung behinderter Menschen in Großeinrichtungen. (Anstalten)

Dr. Erwin Bienewald, Gründer der gemeinnützigen Stiftung, hatte in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts an der TU Berlin in Erziehungswissenschaften promoviert und im Bezirk Neukölln mehrere soziale Modellprojekte initiiert, war dann aber einige Jahre tätig als freier Rundfunk - Journalist mit dem Spezialgebiet Umwelt und gesellschaftliche Randgruppen.  Es reichte ihm jedoch bald nicht mehr aus, Reportagen und Berichte zu schreiben.  Er wollte etwas verändern.

Er gründete die erste deutsche Wochenzeitung für Kinder mit dem Namen Klick, die er über mehrere Jahre gemeinsam mit Greenpeace herausgegeben hat. An der Zeitung beteiligten sich viele hundert Kinder- und Jugendreporter aus ganz Deutschland.

Daneben initiierte Erwin Bienewald Projekte mit Punks in Bremen, mit Obdachlosen in Berlin, mit kurdischen Asylbewerbern, mit landlosen Bauern und Indianern in Brasilien und eben auch mit behinderten Frauen und Männern. Die Arbeit mit ihnen wurde sehr schnell zum Mittelpunkt der gesamten Arbeit, vor allem nachdem die Zeitschrift Klick aus finanziellen Gründen eingestellt worden war.

Raus aus der Anstalt, rein ins Leben

Erwin Bienewald bezweifelte, dass die Unterbringung behinderter Frauen und Männer in abgeschiedenen Großeinrichtungen dem Ziel, ein selbstbestimmtes und selbständiges Leben zu führen, dienlich sein könne. Er entwickelte die Idee, ausgewählte Personen in kleinen Gruppen zu fördern und sie in gesellschaftlich relevante Arbeitsprozesse zu integrieren.

Mit Unterstützung der Arbeitsagentur entstand zu Beginn der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine mit nur 12 Arbeitsplätzen aus­ge­stattete, winzige Werkstatt für behinderte Menschen. (WfbM) Die Be­schäf­tig­ten bauten unter Anleitung von Handwerkern einen Bau­ern­hof in Worpswede um zu einer Wohn- und Arbeitsstätte, den Semkenhof. Die Stiftung kaufte bald darauf ein verlassenes Ausflugslokal im Teufelsmoor, setzte das zerfallene Bauwerk instand und machte daraus das Gasthaus Schamaika, bis heute ein beliebtes Ausflugsziel mit Kanuverleih, Heuhotel, Ferienhäusern und Campingplatz.  Schamaika war das erste, mit Hilfe von geistig behinderten Frauen und Männern betriebene, Gasthaus in Norddeutschland, wenn nicht sogar in der gesamten Bundesrepublik.

 

Tariflich entlohnte Arbeitsplätze schaffen

Was damals als Pionierleistung galt, ist inzwischen völlig normal. Es gibt bundesweit viele inklusive Projekte, die Hotels, Gasthäuser oder Cafés betreiben. Trotzdem ist die Zahl der behinderten Menschen, die Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt gefunden haben, äußerst gering geblieben. Dies zu verändern ist ein zentrales Ziel der Stiftungsarbeit.

Die Teufelsmoor Gastronomie und Service gGmbH und die Markt­halle im Bamberger gGmbH, beide gemeinnützige Töchter der Stiftung, führen in Bremen und Niedersachsen insgesamt zwei Dutzend Inklusionsbetriebe als Supermarkt, Dorfladen, Café, Hotel oder Gasthaus, dazu ein Bowling- und Freizeitzentrum und mehrere Schulkantinen.

Insgesamt beschäftigen beide Firmen zusammen inzwischen mehr als 150 Menschen, von denen mehr als die Hälfte schwerbehindert ist. Alle Beschäftigten werden ortsüblich entlohnt und haben einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Die Stiftung leistet somit einen Beitrag zur Verwirklichung der UN - Behindertenrechtskonvention, die allen behinderten Menschen das Recht auf Bildung und Arbeit bei gleichem Lohn für gleiche Arbeit garantiert.

 

Das Dorf der ungeliebten Kinder

Neben den Inklusionsbetrieben der Tochtergesellschaften, führt die Stiftung eine WfbM mit 132 Arbeitsplätzen in den Bereichen Garten- und Landschaftspflege, Montagearbeiten, Bäckerei, Apfelmosterei und Gastronomie.

Waren es in den ersten Jahren nach Gründung der Stiftung vor allem geistig behinderte Frauen und Männer, die aufgenommen wurden, so werden in den Betrieben heute vor allem Frauen und Männer mit psychischen Problemen und massiven Verhaltensauffälligkeiten be­schäftigt. Während die Zahl der geistig behinderten Menschen, aufgrund medizinischer Verbesserungen sowie der hohen Abtrei­bungs­quote bei einer Down Syndrom Diagnose, beständig abnimmt, wächst die Zahl der infolge von Miss­brauchs­erfahrung und Drogenkonsum in ihrem Sozialverhalten und in ihrem Intelligenzpotential beein­träch­tig­ten Personen.

Diese Menschen sind nur außerordentlich schwer an eine gesell­schaft­lich akzeptierte Lebensweise heranzuführen. Sie leiden in der Regel unter den Folgen frühkindlicher Störungen, sie wurden miss­handelt, missbraucht, ihre Eltern - so die überhaupt bekannt sind - waren nicht in der Lage, die Kinder auf ein geordnetes Leben vorzube­reiten. Die Folge sind erhebliche psychische Beein­trächti­gun­gen ver­bun­den mit Verhaltensstörungen.

Nur wenn sie medikamentös gut eingestellt sind und wenn sie auch bereit sind, die verordneten Psy­chopharmaka regelmäßig einzunehmen, finden sie ihre Mitte und sind einigermaßen integrierbar in Wohn- und Arbeitszusammenhänge.

Wir haben uns auf diese Zielgruppe spezialisiert und in Worpswede das Dorf der ungeliebten Kinder ge­gründet. Dort wohnen und arbeiten fast 70 verhaltensauffällige, in den emotionalen Beziehungen gestörte, deprivierte Frauen und Männer.

Dort sind Wertschätzung und Einfühlungsvermögen die entscheidenden Parameter in der Betreuung. Viele nahezu beziehungsunfähige Klienten benötigen nichts mehr als eine Beziehung. Das ist eine Herausforderung im Wohnbereich, aber auch am Arbeitsplatz.

Im Vordergrund unserer Bemühungen steht, ein weiteres Abgleiten zu verhindern, sie einigermaßen zu stabilisieren um sie dann über Jahre hinweg vielleicht doch noch in einen strukturierten Lebens- und Arbeitsprozess zu integrieren. Eine Vollbe­schäf­ti­gung mit 38,5 Stundenwoche ist nicht erreichbar, aber der Zuverdienst. Wir schaffen deshalb vermehrt Arbeitsplätze im Bereich Teilzeitbeschäftigung mit 12 bis 15 Wochenstunden.  

 

Werkstatt für Menschen mit Behinderung  -  Beschäftigung mit Zukunft

 

Gelegentlich, vor allem in Zusammenhang mit der Behindertenrechtskonvention, wird die Auflösung der Werkstätten für behinderte Menschen gefordert, mit der Begründung, diese Einrichtungen seien schon qua Betriebsform diskriminierend, weil dort von der Außenwelt abgeschnitten, in geschütztem Bereich, nur behinderte Frauen und Männer beschäftigt sind.

Diese Auffassung ist nicht ganz falsch, aber wir können sie solange nicht teilen, wie die WfbM für die Mehrheit der Behinderten die ein­zige Möglichkeit darstellt, überhaupt irgendwo zu arbeiten.

Die regulären Wirtschaftsunternehmen sind nicht auf die Be­schäftigung Behinderter vorbereitet, und wenn sie überhaupt Men­schen aus dieser Zielgruppe ansprechen, dann nur die Perlen, die be­sonders Leistungsstarken.

Hinzukommt, dass insbesondere psychisch Kranke oft nicht über einen Schwerbehindertenausweis verfügen und deshalb auch nicht aus der Ausgleichsabgabe gefördert werden.  Betriebe, die psychisch kranke Menschen ohne den Status „schwerbehindert" einstellen, erhalten nur eine kurzfristige Eingliede­rungshilfe durch die Arbeitsagentur oder die Rentenversicherung, aber keine Dauerförderung und keinerlei finanzielle Hilfe für Assistenz­lei­stungen.

Die Abschaffung der WfbM, die wir vom Leitgedanken aus betrachtet, durchaus befürworten, setzt erhebliche gesetzliche Veränderungen voraus und ein völlig verändertes Fördersystem.

Die Stiftung Maribondo da Floresta wird deshalb weiterhin auch die WfbM mit angeschlossenem Be­rufs­bildungsbereich betreiben.

 

„Jeder Mensch hat ein Recht auf Bildung"  

So steht es nicht nur in der Behindertenrechtskonvention, sondern auch in Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Wir sehen in diesem Auftrag die Verpflichtung, vor allem die Menschen mit Behinderung umfassend zu fördern und ihre sozialen, emotionalen wie beruflichen Fähigkeiten zu entwickeln.

Wir tun dies im Sinne eines humanistischen Weltbilds, das jedem Menschen die bestmögliche Entfaltung seiner Persönlichkeit ermög­li­chen soll. Wir sehen den Menschen als Ganzes. Alle haben das gleiche Recht auf Freiheit und Leben, alle sollen Entscheidungen, die dieses Leben beeinflussen, auch selbst bestimmen können.

Dies gilt insbesondere für Menschen mit geistigen, psychischen und/oder körperlichen Behinde­run­gen. Sie sind wertvoller Teil der menschlichen Vielfalt.

Wir pflegen in allen Betrieben einen respektvollen und vertrauens­vollen Umgang miteinander. Kunden wie Beschäftigte werden glei­chermaßen wertgeschätzt. Niemand wird wegen Aussehen, Herkunft oder Lebenseinstellung benachteiligt oder gar diskriminiert.

 

Alles Leben ist gleichermaßen wertvoll.

Die Vermittlung emotionaler wie sozialer Kompetenzen steht für uns gleichwertig neben der Leistungs­entwicklung.

Unsere Inklusionsbetriebe sind Teil des allgemeinen Arbeitsmarktes. Sie bieten vielfältige Mög­lichkeiten, auf unterschiedlichem Leistungsniveau produktiv zu arbeiten und somit den Lebens­un­terhalt selbst zu verdienen. Zudem ist die Inklusion sozusagen zwangsweise eine Begleiterscheinung der Arbeit, weil der tägliche arbeitsbegleitende Kontakt zu Gästen und Kunden gewährleistet ist.

Arbeit für Menschen statt Menschen für Arbeit

Wir passen die Arbeit den Menschen und nicht die Menschen der Arbeit an. Dies ist nur möglich in kleinen übersichtlichen Betrieben, in denen jeder jeden kennt und in denen man sich aufeinander verlassen kann.

Zudem müssen die Arbeitsbereiche kleinteilig gegliedert werden, damit jeder seinen Platz findet. Nur wenige überschauen ihren Arbeitsplatz oder gar den Beruf als Ganzes, die meisten arbeiten tätigkeitsorientiert, können nur einfache Aufträge ausführen, sind mit komplexen Anweisungen überfordert. Dies bedingt für die Anleiter, dass sie alle Arbeitsgänge in einfache Tätigkeiten gliedern und jedem Einzelnen eben die Arbeit zuweisen, die deren Leistungsniveau entspricht.

 

Umwelt und Klima schonen

Wir halten die Ideologie, dass Wirtschaft immerzu wachsen muss, für falsch und verfolgen ein nachhaltiges, umwelt- und naturschonendes Wirtschaften. Wir leiten die BewohnerInnen und Beschäftigten deshalb an, Verantwortung für die Gesellschaft, für die Zukunft des Lebens auf der Erde zu übernehmen.

Wir setzen in unseren Betrieben nahezu ausschließlich Elektroautos ein, auf den Dächern mehrerer Betriebe haben wir Photovol­ta­ik­anlagen installiert, wir rüsten unsere Betriebe mit Blockheiz­kraft­wer­ken und LED - Beleuchtung aus, unsere Gästehäuser streben an als Klimahotels zertifiziert zu werden.

Wir fördern lokale Betriebe, die Lebensmittel herstellen und zahlen faire Preise. Wir halten den Aufbau lokal und regional orientierter Wirtschaftseinheiten für zukunftsweisend. Wir wollen eine Winzig­keit dazu beitragen, das Leben auf der Erde zu retten. 

 

Und damit wir mit dieser Zielsetzung nicht allein bleiben, versuchen wir Gäste, Kunden und Beschäftigte einzubeziehen und für unsere Ideen und Ideale zu begeistern.

 

Schlussbemerkung:

Dieses Leitbild ist ein Fragment, eine vorläufige Fassung, die der beständigen Korrektur und Erweiterung bedarf, eine Anregung zum Diskurs.