Schamaika
Das Leitbild der Stiftung

Von Normalität und Integration

„Eltern und Helfer meinen oft, wir müssten beschützt werden. Sie wagen es nicht, ein Risiko einzugehen oder uns etwas riskieren zu lassen. Sie erlauben uns nicht, etwas zu versuchen, zu scheitern und dann wieder von vorn zu beginnen.“

(Internationale Liga von Vereinigungen für
Menschen mit geistiger Behinderung)


In den Einrichtungen der Stiftung Maribondo da Floresta wohnt und arbeitet eine bunte Schar in Leistung und Wahrnehmung beeinträchtigter Menschen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren. Es sind Menschen mit Down Syndrom, Unfallopfer mit Schädel-Hirn Trauma, autistisch behinderte Frauen und Männer, Menschen mit Störungen der cerebralen Hirnfunktionen und Bewohner sowie Beschäftigte, die verhaltensauffällig und psychosozial geschädigt sind.

Diese Vielfalt hat sich im sozialen Zusammenleben entgegen der geltenden Lehrmeinung als außerordentlich nützlich erwiesen, weil sie für Abwechslung sorgt und unterschiedliche Menschen zusammenführt, die es spannend finden, andere zu entdecken und die annehmen dürfen, das Schicksal habe den jeweils anderen noch schwerer getroffen.

Die von uns betreuten Frauen und Männer sind ausnahmslos Individuen mit teilweise sehr festgefahrenen Verhaltensweisen, aber sie lernen ihre Unterschiedlichkeit zu begreifen als Chance für die Entwicklung einer vorbildlichen Gemeinschaft.

Die Arbeit mit ihnen gründet auf einem humanistischen Menschenbild, in dem jeder eine eigenständige und wertvolle, somit auch wertzuschätzende Persönlichkeit ist. Behinderung ist keine Krankheit und auch kein Mangel, sondern eine von vielfältigen Formen menschlichen Lebens.

Bewohner und Beschäftigte stehen im Mittelpunkt aller Bemühungen. Die Mitarbeiter versuchen die Gefühle ihrer Kunden zu erfassen und sich in deren Erlebniswelt hineinzuversetzen. (Empathie). Sie begegnen ihnen authentisch, bringen folglich ihre Gefühle, Eindrücke und Meinungen ein.

Es entsteht eine Partnerschaft, in der moralisch motivierte Schuldzuweisungen ebenso wenig einen Platz haben wie Zeigefingerpädagogik. Die Betreuer überprüfen daher beständig selbstkritisch ihr Verhalten und reflektieren dies in Dienstbesprechungen, Qualitätszirkeln und Fortbildungen.

In unseren Einrichtungen gelten gleiche Rechte für alle. Niemand wird wegen der besonderen Form seiner Behinderung benachteiligt. Alle verdienen dasselbe Maß an Sympathie und Zuneigung. Die Mitarbeiter sind verpflichtet so zu handeln.



Es ist normal behindert zu sein

Behinderte haben das Recht so zu leben wie andere auch, als Mieter in der eigenen Wohnung, als Kunde, Gast, Nachbar, Kollege. Das Wohnen im Heim sollte Ausnahme, nicht Regel sein. Wenn wir dennoch ein Wohnheim, den Semkenhof, sowie mehrere Wohngruppen führen, so deshalb weil es dazu für viele mehrfach und schwerstbehinderte Menschen in Deutschland keine finanzierbare Alternative gibt.

Grundsätzlich gehen die Betreuer der Stiftung mit Bewohnern und Beschäftigten so um wie sie gern möchten, dass mit ihnen selbst umgegangen wird. Es gibt kein „Wir da oben, ihr da unten“. Partner sind gleichberechtigt.

Jeder wird wertgeschätzt und hat einen elementaren Anspruch auf ein Leben in Würde.

Dennoch, ein Heim bleibt ein Heim und eine WfbM ist eine beschützende Werkstatt, in der die Beschäftigen abgeschottet von der Wirklichkeit arbeiten. Es gibt zudem einen Träger mit seinen Interessen, und es gibt die Aufsichtsbehörden. Diese Institutionen machen Vorschriften, an die sich die Bewohner halten müssen, auch wenn nicht einsehbar ist, warum es diese Vorschriften gibt.

Andererseits gewährt die von außen gesetzte Struktur Halt. Sie bildet den Rahmen und innerhalb dieses Rahmens gibt es für die Individuen wie für die Gemeinschaft ausreichend Spielraum, sich frei zu entfalten.

Wer den Rahmen sprengt, muss mit Sanktionen, im Notfall auch mit Kündigung rechnen. Wer „normal“ leben möchte, darf deshalb nicht machen, was er will. Die Gesellschaft hat Regeln des Zusammenlebens aufgestellt, an die sich alle halten müssen, ob sie nun im Heim oder in der eigenen Wohnung leben.

Manchmal sind Menschen mit Behinderung mit den daraus resultierenden Anforderungen überfordert. Dann brauchen sie Hilfe, die andere nicht benötigen bei der Hygiene, beim Saubermachen, in der Kommunikation mit Bewohnern, Eltern und Betreuern oder auch bei Konflikten am Arbeitsplatz. Dafür sind unsere Betreuer zuständig.

In den Einrichtungen der Stiftung ist jede Form physischer und psychischer Gewalt verboten. Es ist auch nicht erlaubt, Drogen zu nehmen.

Die Freiheit des Einzelnen wird begrenzt durch die Interessen und Bedürfnisse des anderen. Wer gern laute Musik hört, muss den Kopfhörer aufsetzen, wenn andere sich durch die Musik gestört fühlen. Wer gern bestimmt, muss lernen Rücksicht zu nehmen auf andere, die nicht so gern bestimmen, damit sie auch zu Wort kommen und mitbestimmen können.

Niemand darf den anderen berühren, wenn der nicht berührt werden möchte.

Wir streben an, dass möglichst viele Bewohner in das Gemeinwesen zurückkehren und dort gleichberechtigt aufgenommen werden. Deshalb bauen wir in Osterholz-Scharmbeck und in Worpswede Wohnungen, in denen behinderte Frauen und Männer als Mieter wohnen, von uns aber Hilfe bekommen, wenn sie Hilfe benötigen. Deshalb schaffen wir nicht nur Arbeitsplätze in der beschützenden Werkstatt, sondern auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

Wir haben ein System geschaffen, dass es ermöglicht, die beschützende Werkstatt zu verlassen, eine Ausbildung als Koch, Hauswirtschafter, Fachkraft im Gastgewerbe zu beginnen oder in unsere Integrationsfirma zu wechseln, die Teufelsmoor Gastronomie und Service gGmbH.

 

Von der funktionalen zur sozialen Integration

Integration ist die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Unter Anderen und mit Anderen zu leben, ist der wichtigste Schritt zur Integration.

Es ist uns wichtig, dass diese Integration nach außen und nach innen gelingt. Auch die Wohngruppe im Heim ist Teil des Gemeinwesens. Die Betreuer helfen, dass niemand zum Außenseiter wird. Jeder ist ein wertvoller Teil der Gemeinschaft und wird als Mensch anerkannt so wie er ist. Jeder hat außerdem das Recht und erhält die Möglichkeit an kulturellen wie spielerischen Angeboten in der Freizeit teilzunehmen und das Leben in den Wohn- und Arbeitsgruppen mitzugestalten.

Dazu gehört, das eigene Zimmer nach individuellem Geschmack einrichten zu dürfen, schöne Kleidung und Schuhe zu kaufen, zum Friseur zu gehen oder auch nicht, Sport zu treiben oder lieber Theater zu spielen.

Die Integration nach außen ist zuallererst eine Herausforderung an das Gemeinwesen. Die behinderten Menschen und ihre Betreuer können nicht viel mehr tun als sich so zu verhalten wie sie es für richtig halten. Es ist für uns selbstverständlich, dass behinderte Menschen sich im Gasthaus mit nicht-behinderten Gästen treffen und unterhalten, dass sie ins Kino gehen, in der Feuerwehr mitmachen, Fußball spielen, Einkaufen, Behördengänge erledigen, Kontakte zu Nachbarn pflegen und einen Arbeitsauftrag erfüllen als Kellner, Getränkelieferant, Küchenhelfer, Gartenpfleger, Bauhelfer, Reinigungskraft, Verkäufer im Ladengeschäft.

Aber das geduldete „Dabei-Sein“ ist nur eine funktionale Integration. Sozial integriert dagegen ist, wer im Gasthaus, im Laden, bei der Behörde als gleichberechtigt anerkannt und wertgeschätzt wird. Wir sehen unsere Aufgabe darin, diese soziale Integration zu fördern.

Die Betreuer haben die Aufgabe als Übersetzer und/oder Vermittler zu arbeiten, wenn an der Kasse im Supermarkt ein Bewohner plötzlich schreit, weil er sich bedroht fühlt oder wenn ein Mann in der Damentoilette auftaucht, weil er die Zeichen an der Tür nicht unterscheiden kann oder wenn ein behinderter Kunde den Laden verlässt, ohne zu bezahlen, weil er nicht daran gedacht hat oder vielleicht doch. Wer weiß?

Vorurteile und Distanz beruhen nach unserer Erfahrung häufig auf Missverständnissen. Menschen, die mit Behinderten nichts zu tun haben, verstehen nicht, warum jemand gerade das tut, was er da tut. Sie gehen davon aus, dass man so etwas nicht tun darf. Sie legen ihre Meßlatte an Menschen an, die diese Meßlatte gar nicht kennen.

Schamaika