Schamaika
Menschen mit geistiger Behinderung

Mal ängstlich, mal ausgelassen - ein Leben in Extremen

Angst und Unsicherheit sind die vorherrschenden Gefühle vieler geistig behinderter Menschen. Sie trauen sich selbst einfache Dinge nicht zu, wollen beim Spaziergang nicht durch die Pfütze gehen, haben im Sommer Angst vor Glatteis oder verweigern die Benutzung der Treppe, weil sie sich vor der Höhe fürchten.

Dinge, die wir mit „links“ erledigen, bedeuten für sie höchste Anspannung und Aufregung, die sich in mehr oder weniger heftigen Eruptionen entladen mit gereizter Stimmung und Beschimpfung, gelegentlich gar Gewalt gegenüber Sachen und Menschen. In diesen Augenblicken verliert der behinderte Mensch sein Ich – tritt außer sich – ist nicht mehr – er selbst.

Das Leben ist einen Moment lang außer Kontrolle geraten.

Viele sind zwanghaft von Gedanken beherrscht, vor denen sie sich eigentlich fürchten.

Sie benötigen ein Hilfs-Ich, um sich behaupten zu können, um ihre Wünsche zu äußern, um diese Gedanken zu verdrängen. Das Hilfs-Ich sind Eltern, Anleiter, Betreuer. Diese Funktion kann leicht missbraucht werden, gibt sie doch Macht über Menschen, die zwar ein gutes Gespür für Ungerechtigkeit haben, die aber zu schwach sind, um offen zu sagen, was sie bewegt. Sie wählen Umwege und senden verklausulierte Botschaften aus. Sie lassen sich leicht manipulieren, scheinen sich in der Rolle des Opfers zu gefallen, um dann plötzlich den Spieß umzudrehen und punktgenau einen Volltreffer zu landen.

Spaß – Freude und Ausgelassenheit liegen sehr nahe am Gegenteil. Viele behinderte Menschen geraten schnell von einem Extrem in das nächste. Dabei sind sie ausgesprochen sensibel für die Atmosphäre in der Wohngruppe, für die Stimmung der Betreuer. Es ist verwunderlich, was und wie genau sie beobachten und wahrnehmen, manchmal auch schon Dinge wissen, die sie noch gar nicht wissen können.

Dann wieder verbreiten sie abstruse Geschichten, die sie sich selbst zurechtgebastelt haben, weit weg von der Wirklichkeit, ihrer eigenen Welt folgend. Es entstehen Gerüchte, Intrigen, Konkurrenzsituationen, Menschen heiraten, die sich gar nicht kennen, Beziehungen zerbrechen, ohne dass die Betroffenen davon wissen. Es werden Aussagen und Beleidigungen kolportiert, die es zumindest in der vorgetragenen radikalen Bestimmtheit nie gegeben hat.

Geistig Behinderte sind ein Abbild der Gesellschaft, der sie andererseits auf amüsante Weise den Spiegel vorhalten. Sie sind niemals nur heimtückisch, sondern immer auch das Gegenteil, sie wollen den anderen nicht zerstören, auch wenn sie ihn zerstören.

Einige verstehen glänzend, die Betreuer gegeneinander auszuspielen, den jeweils anwesenden zu umgarnen und den Kollegen zu beschimpfen, den der Kollege im Dienst nicht leiden kann. Es wird gepetzt, gelogen, gehetzt. Außenstehende vermögen nicht zu unterscheiden, ob sie erleben, wie sehr eine Behinderung den Blick für die Wirklichkeit verstellen kann oder ob sie gerade hereingelegt werden.

Auf Dauer sind die Manöver durchsichtig, die Akteure halten die Rolle nicht durch, brechen ein, entschuldigen sich überschwänglich, weinen gar, was Teil des Theaters ist, aber auch Teil des gering entwickelten Selbstwertgefühls.

Wenn andere sich streiten, leiden sie als wären sie selbst am Streit beteiligt. Sie halten die durch den Streit vergiftete Atmosphäre nicht aus. Als Außenstehende empfinden sie dies noch mehr als wären sie selbst beteiligt.

Ihre permanente Angst und Unsicherheit erzeugen körperliche Reaktionen wie Schwitzen, Erbrechen, Ess- oder Schlafstörungen, die oft nicht ernst genug genommen werden und deshalb langfristig die Gesundheit schädigen können.

Die meisten geistig behinderten Menschen entsprechen in keiner Weise den Kriterien, an denen in unserer Gesellschaft Leistung und Erfolg gemessen werden. Sie sind eigenwillig, leistungsschwach, widersprüchlich und selten ästhetisch.

Ihre Eigenheit, hat wenig Wert, zu wenig, um damit erfolgreich zu sein. Andererseits entsprechen sie nicht dem konformen, uniformierten Menschen, der im Interesse einer Minimalkarriere jede Eigenheit über Bord geworfen hat. Sie verweigern sich der Tyrannei der Konformität, bleiben unverwechselbare Originale.

Außenstehende, selbst Eltern und Betreuer, verstehen sie oft nicht, sind sie doch nur Beobachter, denen die Erfahrung als Subjekt geistiger Behinderung fehlt. Deshalb droht die Gefahr, sie immer wieder zum Objekt zu machen.

Geistig behinderte Menschen leben in einer eigenen Wirklichkeit, die Betreuer nur in Ansätzen erfassen können. Zuhören, beobachten, Vertrauen aufbauen – das sind Wege, um sie vielleicht besser zu verstehen.

Sie kreieren eine Ordnung mit eigenem Wert. Die vorgegebene Ordnung ist nicht ihre Ordnung.

Sie entsprechen nicht dem aktuellen Zeitgeist, was die rational geforderte Integration in ihrer emotionalen und moralischen Dimension enorm erschwert.

Integration und Gleichbehandlung für Behinderte sind juristisch erreicht und im Gesetz verankert, im Alltag aber stehen behinderte Menschen mehr denn je im Abseits. Sie werden nach wie vor als „krank“ eingestuft. Die Behinderung gilt als Mangel, nicht als Bereicherung. Sie werden bedauert, aber nicht für voll genommen. Sie haben dieselben Rechte wie die anderen, aber moralisch sind sie ihnen untergeordnet, stehen um Stufen tiefer. Sie werden nicht mehr „Idiot“, sondern milde „geistig behindert“ genannt, aber deshalb sind sie noch keine vollwertigen Mitglieder der Gesellschaft. Bis zur wirklichen Integration ist ein weiter Weg und derzeit gehen wir eher ein Stück zurück als nach vorn.

weiter >>  

Schamaika