Schamaika
Menschen mit psychosozialen Problemen

Die ungeliebten Kinder

An der Bremer Landstraße in Worpswede entsteht ein kleines Stiftungsdorf mit 70 Bewohnern, von denen etwa die Hälfte der Hilfe bedürfen. Es soll sich ein Milieu entwickeln aus Menschen, die es schon geschafft haben, einen Arbeitsplatz zu finden, als Mieter allein zurechtzukommen und aus Menschen, die noch auf dem Weg in ein selbständiges Leben sind.

Im Stiftungsdorf gibt es auch Arbeitsplätze im Garten, als Helfer im Baubereich, im Büro der Zentralverwaltung oder bald in der Saftmosterei, die im Herbst 2007 den Betrieb aufnehmen wird.

Das Projekt wendet sich an psychosozial beschädigte Menschen, die lernbehindert und in ihrer Intelligenz gemeindert sind und die als Kleinkinder geschlagen, misshandelt und/oder sexuell missbraucht wurden.

Die Täter kommen fast immer aus dem engeren Familienkreis. Die Kinder wuchsen auf in einem zerstörten innerfamiliären Beziehungsgeflecht voller Widersprüche und völlig unberechenbar. Ihnen fehlt jede Sicherheit, sie haben wenig Liebe und Zuneigung erfahren. Sie sehnen sich nach einem intakten Familienleben, kopieren aber das, was sie früher selbst erfahren und erleiden mussten, Gewalt und Widersprüchlichkeiten, ein kunterbuntes Durcheinander von Liebe und Hass, von Freude und Leid, von Frieden und Krieg. Sie sind traumatisiert.

Kontakte und Beziehungen werden funktionalisiert. Sie können ihre Gefühle nicht kontrollieren und deshalb auch nicht steuern. Sie nehmen die Wirklichkeit verzerrt wahr und basteln sich eine eigenwillige Lebenswahrheit, die wenig oder gar nicht differenziert ist, sondern nur „gut“ oder „böse“ kennt.

Wer „gut“ ist, kann schon im nächsten Augenblick „böse“ sein, so wie möglicherweise der Vater, der nüchtern fürsorglich und liebevoll agierte, betrunken aber die Kinder verprügelte und sexuell missbrauchte.

Die Teilqualitäten des Vaters werden im nachhinein nicht ambivalent, sondern absolut wahrgenommen. Menschen, mit denen sie Kontakt haben, werden nach dieser Meßlatte bewertet und einsortiert, mal so, mal so.

Diese Menschen leiden darunter, dass sie keine intakte Familie hatten, streben nach nichts sehnlicher als eine Familie zu gründen und tun doch alles, um sich diesen Weg zu verbauen, weil sie tief im Innern Angst davor haben, es könne so sein wie früher.

Ihre Ursprungsfamilie hat ihnen zu keiner Zeit Sicherheit und Geborgenheit geben können, sie hat sie nicht auf ein selbständiges Leben vorbereitet.

Und genauso wie der Vater unter Einfluss von Drogen zum Verbalgladiator wurde, der alles kann und alles beherrscht und dem niemand das Wasser reicht, genauso überschätzen psychosozial beschädigte Menschen sich selbst. Sie glauben, sie seien groß und mächtig, unwiderstehlich. Sie verletzen Grenzen, halten sich für die besseren Betreuer, greifen in professionelle Abläufe – etwa ärztliche Handlungen – ein, von denen sie keine Ahnung haben.

Das Leben ist geprägt von übertriebenen Erwartungen und einem übergroßen Bedürfnis an Zuwendung, die sie aber gleichzeitig durch ihr Verhalten ausschließen. So zerstören sie beständig selbst, was sie sich wünschen.

Sie sind mal ganz oben und mal ganz unten – dazwischen ist nichts.

Und wenn der Druck ganz oben zu stark wird, der Fall nach unten droht, dann reagieren sie mit Aggressivität nach außen oder gegen sich selbst. Sie fügen sich im Extremfall schwere Schnittverletzungen zu. Der Schmerz führt sie zurück, macht die Angst erträglich. Der Druck nimmt ab, eine mehr oder weniger lange Phase der Beruhigung beginnt.

Die Zahl der Menschen mit psychosozialen Problemen steigt schnell an. Viel von ihnen werden unter dem Begriff „Borderline“ subsumiert. Nach Einschätzungen von Experten sollen etwa 2% der Bevölkerung unter den umschriebenen Störungen leiden.

Wir nennen diese Gruppe „ungeliebte Kinder“, weil dies für ihre Vergangenheit, aber auch für ihre Gegenwart und sehr wahrscheinlich noch viel mehr für ihre Zukunft gilt.

Für Menschen mit geistiger Behinderung ist in den Sozialgesetzbüchern ein Rechtsanspruch auf Hilfe formuliert. Ihnen wird auch eine gewisse Sympathie entgegengebracht. Sie haben eine gute Lobby.

Ganz anders ist die Situation der psychosozial gestörten Menschen. Sie treffen auf Vorurteile und ein völlig unzureichendes Hilfesystem. Nicht selten werden sie als „geistig behindert“ eingestuft, weil sie dann in das Raster der Angebote auf Seite der Träger und in die gesetzlichen Strukturen der Behörde passen.

Wer nicht im Heim landet, trifft mit zunehmendem Alter auf ein unkoordiniertes System therapeutischer, betreuender oder ärztlicher Angebote, das nicht orientiert, sondern verwirrt und das nicht aufeinander abgestimmt wird.

In der Bremer Landstraße wollen wir versuchen, für einige zumindest diese Perspektive zu bieten. Wer will und sich an einige wenige Regeln hält, kann dort dauerhaft wohnen und wird auf Anfrage durch Mitarbeiter der Stiftung betreut. Die Stiftung bietet zudem Arbeitsplätze in der beschützenden Werkstatt sowie in einem Integrationsbetrieb. Spätestens da aber beginnen die Sorgen. Ein finanzieller Ausgleich für Minderleistung wird im Integrationsbetrieb nur für solche Beschäftigte bezahlt, die als schwerbehindert anerkannt sind und einen Behindertenausweis haben. Diesen Ausweis aber bekommen viele der psychosozial geschädigten Menschen nicht oder sie lehnen ihn ab, weil sie sich selbst nicht als behindert einstufen.

Die Stiftung wird einen Großteil ihrer Einkünfte aus Kapitalvermögen in diese Zielgruppe investieren, um die sich anbahnende menschliche Katastrophe zu lindern.

weiter >>  

Schamaika